Aus der Recklinghäuser Zeitung
Montag, 13. August 2018

Recklinghausen

Gut kombiniert

 

Von Ulrike Geburek

Stadtführer Friedrich Schröerlücke findet deutliche Worte. „Leute, guckt euch das an, aber pinkelt nicht dran.“ Die Rede ist von einer seiner geschätzten Skulpturen – dem Streitwagen am Campus Vest. Der 78-Jährige ärgert sich, wenn er sieht, wie Menschen mit „Kunst im öffentlichen Raum“ umgehen. „Sie wird nicht geachtet, dabei haben wir so viel davon“, sagt er und Bedauern klingt in seiner Stimme. Das mit Schmierereien verunzierte Werk des Schweizer Bildhauers Vincenzo Baviera sei dafür nur ein Beispiel.

Dennoch ist das Gelände Ecke Campus Blumenthal/Ludwig-Erhard-Allee (s)ein Lieblingsort. „Ich finde es toll, dass hier auf der alten Zechenbrache ein modernes Bildungszentrum für mehr als 3000 Schüler entstanden ist, sogar mit einem kleinen Kraftwerk, das das Grubengas zur Strom- und Wärmeerzeugung nutzt.“ Zufrieden schaut sich der Recklinghäuser auf dem ehemaligen Werksgelände der Schachtanlagen 3/4 der Zeche General Blumenthal um.

Schröerlücke hat eine besondere Beziehung zu diesem Platz: „Hier wurde ich von 1957 bis 1960 zum Betriebselektriker ausgebildet“, erinnert er sich. Rund 60 Jahre später steht er wieder an derselben Stelle und wirbt für ein Kunstwerk, das für die industrielle Entwicklung steht (oder besser gesagt: liegt) und seiner Meinung nach optimal dort hinpasst: zwischen Bahnlinie und dem ehemaligen Bergwerksgelände. – Ein Kunstwerk, das beinahe einem Schrottdieb zum Opfer gefallen wäre.

Aber fangen wir vorne an: Baviera machte sich 1990 ans Werk und schuf das extravagante Gefährt für die Ruhrfestspiel-Ausstellung „Europäische Werkstatt Ruhrgebiet“. Man nehme eine Förderturmseilscheibe der Hertener Zeche Schlägel & Eisen mit einem Durchmesser von sechs Metern und acht elf Meter lange Fahrleitungsmasten der Bahn. Fertig ist der Streitwagen, der fortan auf der Wiese vor dem Bahnhof neugierige Blicke auf sich zog. Er verband die Kohleförderung auf den Zechen mit dem Güterverkehr auf den Schienen, etwa zu den Hüttenwerken. „Beides war typisch für das Ruhrgebiet“, berichtet Schröerlücke, der den Bürgern seit 2011 die Stadt näherbringt und sich während seiner Führungen auf die „Kunst im öffentlichen Raum“ spezialisiert hat.

Schrottdieb hätte die Skulptur fast zerstört

Doch 1998 wurde es eng für den Streitwagen. Die Skulptur musste nämlich dem neuen Busbahnhof weichen. Sie wurde im Hohenhorster Wäldchen gegenüber dem Südfriedhof geparkt. Und dort bediente sich ein dreister Schrotthändler. „Er zerlegte die Eisenteile Stück für Stück, schmolz sie ein und versilberte sie“, erzählt Schröerlücke. Aufmerksame Bürger riefen damals die Polizei und konnten das Kunstwerk retten. Anschließend schlummerten die Reste des Riesen zehn weitere Jahre in einer Lagerhalle. 2009 dann reparierten Auszubildende der Lehrwerkstatt der Marler Zeche Auguste Victoria das ausgefallene Stück.

Seit 2010 schmückt das mächtige Kunstwerk nun den Campus Vest – auch wenn das offenbar nicht alle zu schätzen wissen. Der Recklinghäuser betont: „Kunstwerke im öffentliche Raum, finanziert von uns allen, verdienen die Achtung und den Schutz eines jeden Bürgers. Mögen oder gar lieben muss man sie trotzdem nicht.“ Im Gegensatz zu Schröerlücke. Er schwärmt von Henry Moores Bronzeskulptur am Festspielhaus und von Per Kirkebys Backsteinbau am Lohtor. Er spricht über Emil Cimiottis Brunnenplastik am Kreishaus und über Danuta Karstens Stadtkuppel an der Hertener Straße und, und, und landet wieder beim Streitwagen.

Wäre da nicht all der Müll, der auf dem Gelände verstreut liegt und über den sich der Stadtführer ebenfalls mächtig ärgert. Mit dem Rost, den der Streitwagen angesetzt hat, kann er indes leben…

   

Zufallsbild  

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© Gilde der Stadtführer/innen