Aus der Recklinghäuser Zeitung
Montag, 16. Juli 2018

RECKLINGHAUSEN

Technik, die begeistert

die begeistert


Von Silvia Seimetz

Immer wenn Gerd Schenk die Tür aufschließt und eine Besichtigungsgruppe in das Fördermaschinenhaus an der Karlstraße eintreten lässt, passiert das Gleiche. Beim Anblick der riesigen Dampfmaschine sprechen die Besucher nur noch in Silben: „Ah!“, „Oh!“, „Boah!“. Der Stadtführer genießt diesen Moment des allgemeinen Staunens und gesteht: „Die Ehrfurcht vor der Wucht der Maschinen ergreift auch mich immer noch!“

   

Aber es sind nicht nur die vielen Tonnen Stahl, die Gerd Schenk an diesem Ort so schätzt. „Hier gibt es viele, viele wunderschöne Dinge und Ausstellungsstücke zu entdecken“, schwärmt er. Doch bevor der Blick frei ist für diese Schätze, müssen wir den großen Raum auf uns wirken lassen. Der hat nicht die Eleganz anderer Industriedenkmäler, aber seinen eigenen Charme. Denn als 1974 an der Zeche Recklinghausen II „Schicht am Schacht“ war, hatte die „liegende Zwillingsmaschine“, erst acht Jahre auf ihren beiden Buckeln. „Sie war die letzte, die 1966 in der Dülmener Eisenhütte Prinz Rudolph gebaut wurde“, berichtet Schenk.

  

 Dass alles noch erhalten ist, verdanken wir wackeren Bürgern und ehemaligen Bergleuten. Die gründeten den Förderverein für Bergbau- und Industriegeschichte und bewahrten damit das Maschinenhaus und den Förderturm vor dem Abriss, indem sie beides kauften. Die ersten Jahre verbrachten die Mitglieder damit, das Haus und die Geräte in Schuss zu bringen. Durch Fördergelder und unbezahlbare Eigenleistung ist es heute ein barrierefreies, kleines Museum, das sogar über einen Aufzug zu erreichen ist. Und in dem Brautpaare auch heiraten können.

 

 Schenk war nicht von Anfang dabei, aber stets in der Nähe. Nebenan hat die Vestische-Tanzsportgemeinschaft nämlich ein Trainingszentrum: „Da habe ich mit meiner Frau viele Stunden auf dem Parkett verbracht.“ Als an Stadtgeschichte interessierten und technikbegeisterten Menschen ging ihm das Zechensterben aber nah. Und das nicht nur, weil der Vater einst Verwaltungsangestellter im Bergbau war: „Ich bin Maschinenbauer. Es tat weh zu sehen, wie alles verfiel.“

 

Nun bringt er sich mit dem in den Verein ein, was er besonders gut kann: historische Daten und Fakten unterhaltsam vermitteln. Bei Stadtrundfahrten ist ein Stopp am Fördermaschinenhaus stets Pflicht. „Wir nehmen ja keinen Eintritt, dafür bitte ich dann um Spenden“, verrät er schmunzelnd, „und zwar um solche, die man in der Dose nicht klappern hört.“

 

Wenn die von überall her anreisenden Besucher sich dann von all dem Großen abwenden können, geht es an die Details. In den Vitrinen finden sich Erze, Werkzeuge und allerlei Stücke, zu denen Schenk viel erzählen kann. Stolz zeigt er auf das große bleiverglaste „Kirchenfenster“, das der Vereinsvorsitzende Jürgen Wagner ebenfalls vor dem Abriss rettete. „Das war in der alten Bergschule an der Kemnastraße und schon ganz kaputt.“ Auf Knopfdruck erstrahlen hinter dem liebevoll restaurierten Werk des Bochumer Künstlers Karl-Willi Heyer 2800 LED-Lichter. Sie bringen nicht nur „Die Welt des Bergmanns“ zum Strahlen, sondern auch die Augen des Betrachters. „Das finde ich großartig“, gesteht Gerd Schenk.

  

Schaut er manchmal neidisch auf große Industriedenkmäler wie die der Zeche Zollverein? „Nein!“, wehrt er energisch ab. „Wir sind klein aber fein. Und“, sagt er mit einer kleinen dramaturgischen Pause, in der er auf das riesengroße Fenster nach draußen zeigt: „Solch eine grandiose Aussicht auf die Halde Hoheward hat sonst keiner.“

   

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